Kálmán Várady
Kálmán Várady . WUNDERKAMMER I
George Vasilescu . DARKENING THE DARKNESS
Sehr geehrte Journalist*innen,

Kálmán Váradys Kunst bildet ein eigenes Universum aus meist alten gefundenen und gesammelten Objekten, die er zu Neuem collagiert und auf diese Weise geschickt mit den Assoziationen seiner Betrachter spielt. Es entstehen Skulpturen wie die „Gypsy Warriors“, die mit ihren Zauberkräften gegen die üble Nachrede über Roma zu Felde ziehen. Mit der aktuellen Ausstellung WUNDERKAMMER I geht Varady folgerichtig den nächsten Schritt: Er schafft mit einer raumfüllenden Installation ein den Betrachter umfassendes Environment.

Der Besucher findet sich in einem Raum des Staunens wieder, in dem Várady all das, was ihn seit Jahren beschäftigt, vereint. Es ist ein genauso realer wie surrealer Raum, der die ganze Welt erfasst, der Naturalia mit Artificilia verbindet und der schließlich in der Vision einer neuen Welt mündet. Die Dinge, die Várady zusammenträgt, erzählen mannigfaltige Geschichten. Sie lassen Themen anklingen wie den Voodooismus Westafrikas, den er auch mit performativen Elementen in seine Arbeit aufnimmt, Ahnenverehrung, die Verfolgung der Minderheit der Sinti und Roma, aber auch das Zeitalter der Entdeckungen und Erforschung bislang dem Westen unbekannter Weltteile und des Kolonialismus, mit dem Europa versuchte, sich die Welt zu eigen zu machen. Vor allem aber gelingt es dem Künstler, eine existentielle Erfahrung zu vermitteln. Das Staunen gebiert Neugier, das vielen Dingen dieser Ausstellung innewohnende Memento Mori weckt Lebenshunger. In der Stadt Alexander von Humboldts, der unzählige Sammlungsobjekte von seinen Expeditionen nach Berlin brachte und so das Wissen dieser Stadtgesellschaft mehrte, vermag ein zeitgenössischer Künstler, der Idee der Sammlung neue und aktuelle Bedeutung zu geben.

Kálmán Várady lässt uns an seinem nomadischen Denken teilhaben, das mit offenen Augen die Welt erwandert. Wir haben teil an seinem Finderglück, profitieren von seinem professionellen Sammeleifer. Wir finden den Künstler, aber auch uns und unser Leben, in uralten und fremd anmutenden Traditionen gespiegelt, in Interesse an und Respekt vor dem Anderen.
 

Der junge rumänische Künstler George Vasilescu beschäftigt sich in der Ausstellung, die ihren Titel einer Zeile des rumänischen Schriftstellers Nikita Stanescu, „Die Verdunkelung der Dunkelheit ist das Tor zum Licht“ entliehen hat, mit Malerei.

Uns begegnen dunkle, pastos gemalte Gestalten. Menschen, die dem Künstler zum Teil nur zufällig und oft nur flüchtig begegnet sind, die aber im Malprozess zu seinem eigen wurden. Indem er sie malt, werden sie zu seinen Doppelgängern. Sie drücken das aus, was er empfindet, sie sind zu seiner Welt geworden. Es sind zumeist arme Menschen;  George Vasilescu schafft ein Abbild und somit eine Solidarisierung mit der rumänischen Unterschicht. Seine Figuren scheinen der Hoffnungslosigkeit, dem Elend und schicksalhaften Versagen verhaftet, doch in Verwendung von Dunkelheit, ja gerade dem in Öl aufgetragenen Schwarz, will der Künstler das Licht ausdrücken. Gerade in seiner Abwesenheit wird es sichtbar. Der Künstler sucht das Licht, welches von seinem Schwarz aufgesogen wird, während  ein Weiß es bloß reflektieren würde. Vasilescus Gemälde sind Bilder über den latenten Abgrund der Menschen, über Angstzustände und Schmerz. Denn was da bleibt, ist Emotion - der Antrieb zum Leben, der das gewisse Etwas des Werdens und unseres Daseins ist. Vasilescus Personal findet keine Ruhe, sondern Unruhe. Es sind Menschen, die in Illusionen gefangen sind. Es geht dem Künstler nicht um die Darstellung materieller Armut in Rumänien, sondern um die Entwürdigung der Personen, die aber vielleicht gerade im Zustand des Elends eine Verwandlung erleben können und so vielleicht die Wahrheit von Liebe erfassen.

Wie schon in seiner ersten Solo-Ausstellung in der Galerie Kai Dikhas präsentiert George Vasilescu mit „Darkening the Darkness“ eine formal wie inhaltlich tiefgründige künstlerische Lebensreflektion, die an nicht weniger als die existenzielle Bedingung unseres Lebens herangreift. Seine Bilder führen uns dahin, wo wir vielleicht nur ungern sein wollen; die Augen seiner Porträtierten sehen Dinge, die wir nicht sehen wollten, die uns selbst aber nur umso klarer hervortreten lassen. Wie so oft ist es die Perspektive vom Rand, die den Menschen sichtbar macht.
 
Text: Moritz Pankok

„Die doppelgängerhafte Beziehung zwischen mir und meinen Gestalten ereignet sich vor der Leinwand als künstlerischer Schöpfungsmoment. Eine Art von Spaltungsfantasie, indem ich einen Sinn aus diesen Begegnungen mit meinen Gestalten heraus zu reflektieren und zugleich über mein eigenes Leben nachzudenken versuche. Dabei entziehen sie sich jeglicher Art von Frustration, sowie ich mich dem Irrsinn des Alltags entziehen will…
Diese Werke werfen einen anderen Blickwinkel auf mein künstlerisches Ego, auf unsere unmittelbare Umwelt und verzeichnen somit eine Kehrtwende von meiner bisherigen figurativen Malerei. Eine Art ‚Doppelgänger’… “        George Vasilescu

ERÖFFNUNG Freitag, 8. September 2017 . 19-21 Uhr
LAUFZEIT 09. September bis 24. November 2017 . Eintritt frei
  Mittwoch bis Samstag . 14-18 Uhr u.n.V.
ORT Galerie Kai Dikhas und Kunstraum Dikhas Dur Aufbau Haus am Moritzplatz
  Prinzenstraße 84.2 I 10969 Berlin
  Zugang über die Galerie Kai Dikhas

Katalog

ORT DES SEHENS . KAI DIKHAS . PLACE TO SEE 3
George Vasilescu, Manolo Gómez Romero, Tamara Moyzes, Kálmán Várady, András Kállai, Henrik Kállai
ORT DES SEHENS 3
ORT DES SEHENS . KAI DIKHAS . PLACE TO SEE 1 - 3
ORT DES SEHENS . KAI DIKHAS . PLACE TO SEE 1
Lita Cabellut, Delaine Le Bas, Alfred Ullrich

ORT DES SEHENS . KAI DIKHAS . PLACE TO SEE 2
Damian Le Bas, Gabi Jiménez, Imrich Tomáš, Ceija Stojka, Kiba Lumberg, Nihad Nino Pušija

ORT DES SEHENS . KAI DIKHAS . PLACE TO SEE 3

George Vasilescu, Manolo Gómez Romero, Tamara Moyzes, Kálmán Várady, András Kállai, Henrik Kállai
Kai Dikhas Ort des Sehens Place to see 1 - 3