Die 61. Kunstbiennale von Venedig wurde 2026 in einer Phase tiefgreifender institutioneller Krise eröffnet. Noch bevor das Publikum die Giardini und das Arsenale betrat, war diese Ausgabe bereits von Rücktritten, Boykotten, geschlossenen Pavillons, Kontroversen um teilnehmende Künstler*innen, der Abwesenheit einzelner Länder, drohenden Finanzierungskürzungen, Protesten und dem größten Streik in der 131-jährigen Geschichte der Biennale geprägt.
Was sich lange Zeit als globale Bühne für zeitgenössische Kunst präsentiert hat, offenbart zunehmend die Widersprüche der politischen Architektur, auf der diese Institution aufgebaut wurde.
Dieser Moment lädt uns dazu ein, nicht nur die bisherige Repräsentation von Roma-Künstler*innen auf der Biennale von Venedig neu zu betrachten, sondern auch die grundlegendere Frage zu stellen, wem innerhalb eines internationalen Kunstsystems, das nach wie vor weitgehend entlang nationalstaatlicher Strukturen organisiert ist, Sichtbarkeit gewährt wird.
Roma-Künstlerinnen, Kuratorinnen und Kulturorganisationen haben diese Struktur wiederholt infrage gestellt. Bedeutende Ausstellungen zeitgenössischer Roma-Kunst, die 2007, 2011, 2019 und 2022 im Zusammenhang mit der Biennale von Venedig organisiert wurden, gehörten zu den wichtigsten kollektiven Bemühungen, Roma-Kunst auf einer internationalen Bühne im Zentrum zeitgenössischer Kulturdiplomatie zu positionieren.
Ein bedeutender Durchbruch gelang 2022, als Małgorzata Mirga-Tas als erste Roma-Künstlerin ein Land in einem nationalen Pavillon der Biennale von Venedig vertrat. Sie repräsentierte Polen mit ihrer Ausstellung Re-enchanting the World.
Bei derselben Ausgabe fand eine weitere wichtige institutionelle Intervention statt, als der Nordische Pavillon in den Sámi-Pavillon umgewandelt wurde. Das Projekt rückte die Selbstbestimmung der Sámi in den Vordergrund und stellte die Annahme infrage, dass die kulturelle Repräsentation eines Territoriums zwangsläufig mit den politischen Grenzen eines Nationalstaates übereinstimmen müsse.
Diese Entwicklungen verliehen einer Frage neue Aktualität, die Roma-Künstler*innen und Kulturorganisationen bereits seit Jahren aufgeworfen hatten. Mehrere Roma-Delegationen traten in direkten Austausch mit der Leitung der Biennale von Venedig, zuletzt 2021, um zu hinterfragen, wie künstlerische Positionen von Roma innerhalb eines institutionellen Systems anerkannt werden können, das in erster Linie auf nationaler Repräsentation basiert. Im Jahr 2026 kann diese Frage jedoch nicht länger ausschließlich als eine Frage der Roma betrachtet werden. Die politische Legitimität des Modells der Nationalpavillons selbst wird zunehmend infrage gestellt.
In seinem Beitrag über die aktuelle Biennale argumentiert der Künstler und Theoretiker Daniel G. Andújar, dass das aus dem 19. Jahrhundert übernommene Modell nationaler Repräsentation an seine Grenzen gestoßen sei. Seiner Analyse zufolge legt die gegenwärtige Krise die Widersprüche einer institutionellen Architektur offen, in der Nationalstaaten weiterhin Kultur finanzieren und repräsentieren, während sie gleichzeitig Kriege führen, Zensur ausüben, politische Propaganda betreiben und tiefgreifende Konflikte darüber austragen, wessen Stimmen legitimerweise Eingang in den internationalen Kulturraum finden dürfen. Die Frage, vor der wir stehen, ist daher umfassender als die, wie Roma-Künstler*innen Zugang zu den bestehenden Strukturen erhalten können. Es geht auch darum, ob Gemeinschaften, deren Geschichte, Kultur und Identität nationale Grenzen überschreiten, dazu beitragen können, neue Formen der Repräsentation zu entwickeln.
Roma haben seit mehr als sechs Jahrhunderten zur Kulturgeschichte Europas beigetragen und sind zugleich ein transnationales Volk geblieben, dessen kulturelle Präsenz sich nicht auf den Rahmen eines einzelnen Nationalstaates begrenzen lässt.Wir betrachten diesen Moment daher als eine wichtige Gelegenheit, die Diskussion über eine dauerhafte Präsenz der Roma im Rahmen der Biennale von Venedig erneut aufzugreifen.Dabei geht es nicht einfach um eine weitere temporäre Ausstellung und auch nicht zwangsläufig um einen weiteren Pavillon, der das bestehende nationale Modell reproduziert. Vielmehr geht es um eine kollektive Plattform, durch die Roma-Künstler*innen, Kulturinstitutionen und Gemeinschaften aktiv daran mitwirken können, neu zu definieren, wer sichtbar ist, wer repräsentiert wird und wer die Macht besitzt, globale kulturelle Narrative mitzugestalten.
Von RʳOMA LEPANTO zur Biennale von Venedig 2028.
Diese Diskussion wurde im Rahmen von RʳOMA LEPANTO erneut aufgegriffen, einer Ausstellung, die 2024 während der 60. Biennale von Venedig von der Stiftung Kai Dikhas mit Unterstützung von ERIAC im Palazzo Bembo organisiert wurde. Eine begleitende Konferenz brachte Künstler*innen, Kulturschaffende und Organisationen zusammen, um über die Geschichte und Zukunft der Präsenz von Roma in Venedig zu diskutieren.
Sie endete mit einem gemeinsamen Aufruf zur Schaffung einer dauerhaften Roma-Plattform in der Stadt, die den vorläufigen Titel Roma Project Space Venice erhielt und einen Gegenentwurf zum System der Nationalpavillons darstellen soll.
Diese Idee wurde seither weiterentwickelt und wird auch von Romani Rose unterstützt, einer führenden Persönlichkeit der europäischen Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma.
Das Treffen Towards a Roma Project Space Venice, das am 22. Oktober 2026 im Palazzo Michiel del Brusá stattfindet, führt diese Diskussion fort. Anstatt die Frage der Repräsentation von Roma als bereits geklärt zu betrachten, möchte das Treffen sie vor dem Hintergrund des sich rasch verändernden politischen und institutionellen Kontexts der Biennale von Venedig erneut aufgreifen. Es wird Roma-Künstlerinnen und -Organisationen, internationale Kulturinstitutionen, Partnerinnen und Unterstützer*innen zusammenbringen, um darüber zu diskutieren, wie eine dauerhafte Roma-Präsenz in Venedig aussehen könnte und welche institutionelle, kuratorische und politische Form sie annehmen sollte.
Ein Vorschlag, der aus diesem Prozess hervorgeht, ist die Gründung einer Allianz für einen Roma Project Space Venice. Die Allianz soll die Zusammenarbeit im Hinblick auf eine neue kollektive Intervention während der Biennale von Venedig 2028 stärken und zugleich eine langfristige Vision für eine Roma-Plattform in Venedig entwickeln.
In einer Zeit, in der die überlieferte Architektur nationaler kultureller Repräsentation zunehmend infrage gestellt wird, vertritt diese Initiative die Auffassung, dass die Präsenz von Roma in Venedig nicht lediglich darauf abzielen sollte, innerhalb einer überholten Repräsentationslogik einen Platz zu finden. Vielmehr sollte sie aktiv zur Diskussion darüber beitragen, was an deren Stelle treten könnte.
VERANSTALTUNGSORT
European Cultural Centre, Palazzo Michiel del Brusà
Strada Nuova – 4391 Campo Santi Apostoli
30121 Venedig, Italien
Nächstgelegene Vaporetto-Haltestelle: Ca’ d’Oro
Online-Teilnahme via Zoom:
Am Zoom-Meeting teilnehmen
Event: 22. Oktober 2026 – ab 14:00 Uhr